Stromproduktion in Deutschland auf Rekordniveau

Noch nie wurde in Deutschland so viel Strom erzeugt und exportiert wie 2015

von Helmut Krodel und Peter Schmitt

Zusätzliche Stromspeicher werden benötigt

Der Stromverbrauch in Deutschland ist nach ersten Schätzungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen 2015 auf ein neues Rekordniveau gestiegen (siehe Tabelle (PDF im neuen Fenster). Betrug die Bruttostromerzeugung 2014 noch 627,8 Mrd. kWh (gegenüber 638,7 Mrd. kWh in 2013), waren es nach den derzeit verfügbaren vorläufigen Angaben im Jahr 2015  647,1 kWh.

Erneuerbare Energien überflügeln Braunkohle

Die Braunkohle, seit 2007 immer größter Einzelposten der Energieträger, wurde wie bereits 2014  auch 2015 wieder von den erneuerbaren Energien übertroffen: Die erneuerbaren Energien konnten ihren Anteil an der Bruttostromproduktion in 2015 gegenüber 2014 von 27,4 auf 32,5  Prozent steigern.

Bruttostromerzeugung nach Energieträgern ( in Mrd. kWh)

  • 2013
  • Braunkohle
  • Kernenergie
  • Steinkohle
  • Erdgas
  • Mineralölprodukte
  • Erneuerbare
  • übr. Energietr.
  • Gesamt
  • 2013
  • 160,9
  • 97,3
  • 121,3
  • 67,5
  • 7,2
  • 152,4
  • 26,2
  • 633,2
  • 2014
  • 155,8
  • 97,1
  • 118,6
  • 61,1
  • 5,7
  • 162,5
  • 27,0
  • 627,8
  • 2015
  • 155,0
  • 91,5
  • 118,0
  • 57,0
  • 5,5
  • 194,1
  • 26,0
  • 647,1

(Quelle: AG Energiebilanzen, 11.12.2015)

Aus dem Ausland wurden 2015 insgesamt 33 Mrd. kWh nach Deutschland importiert, gleichzeitig wurden jedoch 83.1 Mrd. kWh exportiert. Dies ergibt einen Stromaustauschsaldo mit dem Ausland in Höhe von 50,1 Mrd. kWh.

Rekordjahr für Erneuerbare Energien

Die „Denkfabrik“ Agora Energiewende, bezeichnet 2015 als ein Rekordjahr für Erneuerbare Energien.

Agora Energiewende ist eine gemeinsame Initiative der Stiftung Mercator und der European Climate Fondation. Der Vorsitzende des Rates von Agora Energiewende ist Klaus Töpfer , früherer Bundesumweltminister und Direktor des UN-Umweltprogramms (UNEP). Die IG BCE ist in dem Rat durch ihren Vorsitzenden Michael Vassiliadis vertreten.

Agora Energiewende veröffentlichte am 07. Januar 2016 in seiner „Jahresauswertung 2015“  nachfolgende Graphik, aus der auch der Anteil der einzelnen erneuerbaren Energieträger zu entnehmen ist:

Die erneuerbaren Energien belegen nach 2014 erneut den ersten Platz der deutschen Stromerzeugung.

Die wesentlichen Entwicklungen des Jahres 2015 fasst Agora Energiewende wie folgt zusammen:

Nachfolgendes Schaubild zeigt die Entwicklung der Anteile der verschiedenen Energieträger an der Bruttostromerzeugung in Deutschland seit 1990. Die Erneuerbaren Energien produzierten 2015 mehr Strom als die Kernenergie in ihren Höchstzeiten.

Stromsystem meistert Bewährungsprobe

Agora Energiewende:

„2015 war für die Erneuerbaren Energien ein Jahr der Superlative. Die Windenergie konnte einen Zuwachs von 50 Prozent verzeichnen. Die erneuerbaren Energien wurden mit einem Anteil von 32.5 Prozent die mit Abstand dominierende Energiequelle.

Der Tag mit dem zeitweise höchsten Anteil  Erneuerbarer Energien war der 23. August an dem von 13 bis 14 Uhr 83.2 Prozent des Stromverbrauchs mit Erneuerbaren Energien gedeckt wurden. Und auch die Bewährungsprobe für das Stromsystem während der partiellen Sonnenfinsternis – bei der es zu sehr starken Schwankungen der bundesweiten Solarstromproduktion kam – konnte hervorragend gemeistert werden.“

Agora Energiewende (2016) S.3

IG BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis
„Wir brauchen eine große Initiative für Speichertechnologie“

Der hohe Anteil der erneuerbaren Energien bei der deutschen Stromproduktion könnte allerdings, angesichts besonderer Wetterlagen, wenn es z.B. zwei Wochen grau und windstill ist,  wie sie in Deutschland im Winter vorherrschen, auch zu ernsten Versorgungsproblemen führen.

„Die Speicher-Frage ist die zentrale Frage der Energiewende´ sagt Ralf Bartels, Nachhaltigkeitsexperte der IG BCE. Um eine trübe, zweiwöchige Winterflaute zu überbrücken, bräuchte es in Deutschland Speicher für 30 Terrawattstunden Strom. Das ist eine gigantische Menge.“ (…)

Die Speicher-Lücke in der Energiewende muss geschlossen werden, fordert IG BCE-Vorsitzender Michael Vassiliadis. „Wir brauchen eine große Initiative für Speichertechnologie“, sagt er.

Die IG BCE wird das Thema Speicher im ersten Halbjahr des neuen Jahres zum Schwerpunkt einer Kampagne machen, kündigt Vassiliadis an.

„Wir müssen die wichtigste offene Frage beantworten und Strom aus erneuerbaren Energien speicherfähig machen. Denn erst dann kann eine trübe Winterflaute nicht mehr zum Albtraum werden.“

Mehr dazu, sowie ein praktisches Beispiel der Speichertechnologie findet sich hier.

Ein Interview von Michael Vassiliadis mit dem Deutschlandfunk am 14.01.2016 „Braunkohle-Ausstieg, `Erneuerbaren Strom speicherfähig machen“ finden Sie hier.

Stromexporte Deutschlands erreichen 2015 ein Allzeithoch

Die Stromexporte, so Agora Energiewende, „haben 2015 erneut deutlich zugelegt. Die physikalischen Stromflüsse erreichten mit per Saldo 50 Terrawattstunden ein Allzeithoch. Dies entspricht per Saldo  rund acht Prozent der Stromproduktion. Gemessen an den Handelsflüssen wurden saldiert 61 Terrawattstunden exportiert, 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Vor allem die Niederlande, Österreich und Frankreich beziehen Strom aus Deutschland. Der Grund: Deutschland hat nach Skandinavien die zweitniedrigsten Strompreise Europas.

(Agora Energiewende 2016 S.3)

Zunehmende Entkoppelung von Stromverbrauch und Wirtschaftswachstum – allerdings nicht schnell genug

Auch das Jahr 2015, so Agora Energiewende, „zeigte die zunehmende Entkoppelung von  Wirtschaftswachstum und Stromverbrauch: Während das Wirtschaftswachstum um ca. 1.7 Prozent stieg, legte der Stromverbrauch nur um etwa 0.8 Prozent zu. Im Unterschied dazu stieg 2015 der allgemeine Primärenergieverbrauch etwa ebenso stark wie das Bruttoinlandsprodukt.“ Allerdings zeigen die Zahlen auch, „dass der Trend zur Energieeinsparung nicht schnell genug verläuft, um das im Energiekonzept für 2020 festgelegte Ziel zu erreichen.“ (Agora Energie 2016, S.12)

Treibhausgasemissionen steigen in 2015 wieder leicht an

Nach ersten Schätzungen, so Agora Energiewende,  wurden im „Jahr 2015, 925 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente Treibhausgase ausgestoßen, fünf Millionen Tonnen mehr als 2014. Die Emissionen in Deutschland sind damit wieder auf dem Niveau von 2011 angelangt. (…) Da rund 40 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen Deutschlands auf die Energiewirtschaft entfallen, spielen die CO2-Emissionen des Stromsektors eine besondere Rolle, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Diese Emissionen sind nach ersten Schätzungen im Jahr um 5 Millionen Tonnen leicht zurückgegangen. Sie liegen mit 313 Millionen Tonnen ebenfalls wieder auf dem Niveau von 2011. (…) Insgesamt verursachte die Braunkohleverstromung mehr als 150 Millionen Tonnen CO2 und die Steinkohleverstromung fast 100 Millionen Tonnen CO2.“ (Agora Energiewende, 2016, S.31)

Bundesumweltministerin Hendricks: Klimafortschritte durch Produktion von Kohlestrom zunichte gemacht

Die Bundesumweltministerin Hendricks sorgt sich angesichts der aktuellen Zahlen zur Stromproduktion 2015 um Deutschlands CO2-Bilanz. Gegenüber Spiegel-online sagte sie: „Unsere Klimaschutzfortschritte beim Ausbau der erneuerbaren Energien werden leider durch die anhaltend hohe Produktion von Kohlestrom  zum Teil zunichte gemacht. Das liegt an den Überkapazitäten bei Kohlekraftwerken und den damit verbundenen Stromexporten auf Rekordniveau“ (SPIEGEL-ONLINE, 28.12.2015)


Internationale Energieagentur (IEA): Fossile Brennstoffe weltweit fast 4x so stark subventioniert wie Erneuerbare Energie

„Der Verbrauch fossiler Brennstoffe profitiert weiterhin von umfassenden Subventionen. Wir schätzen, dass die globalen Subventionen 2014 nur knapp unter 500 Milliarden USD betrugen, obwohl dieser Wert ohne die seit 2009 durchgesetzten Reformen bei 600 Milliarden USD liegen würde. Subventionen zur Förderung erneuerbarer Technologien im Stromsektor betrugen 2014, 112 Milliarden (plus 23 Milliarden für Biokraftstoffe)“, so die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem neuen World Energy Outlook 2015. (IEA World Energy Outlook 2015, Zusammenfassung German translation, S. 10)


Um die Temperaturerhöhung durch die Treibhausgasemissionen auf 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu beschränken, sind nach der IEA verschiedene Maßnahmen erforderlich:

Langfristige Dekarbonisierung erforderlich

Die IEA kommt in ihrem  World Energy Outlook 2015 zu folgender Schlussfolgerung:

„Das auf dem COP21 (Weltklimakonferenz in Paris 2015, siehe dazu auch CSR-Info 52) vereinbarte Rahmenwerk für Klimaschutzmaßnahmen, muss ein Verfahren zur Gewährleistung eines zunehmenden Klima-Engagements im Laufe der Zeit umfassen, um die Emissionen weiterhin auf dem Kurs des 2-Grad-Ziels zu halten. Um die richtigen Signale für Investitionen zu setzen und einen kohlenstoffarmen, hochgradig effizienten Energiesektor zu schaffen, ist eine eindeutige und glaubwürdige Vision einer langfristigen Dekarbonisierung als Kern der internationalen Bemühungen gegen den Klimawandel erforderlich.“ IEA, World Energy Outlook 2015, S.9

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