Lidt hurtigere! In Dänemark sich selbst erleben.

Von den schweren ersten Stunden in der Fremde und wie Verständlichmachen helfen kann. Ein Bericht von der Projektarbeit mit Teilnehmerinnen im Ausland.

Noch eine Stunde bis zum Mittag und die Vorspeise ist noch nicht fertig. In schneller Folge entkernt Anja* die Kirschen, die als Garnierung für den „Risengrød“ (dänischer Milchreis) vorgesehen sind.

„Kan du arbejde lidt hurtigere? Vi skal være klar”, sagt ihre dänische Kollegin und stößt sie dabei lachend an. ”Hurtigere”, das hat Anja schon am ersten Tag gelernt, heißt schneller und darauf kommt es in der Küche immer an.

”Har gjort” ruft Anja und drückt Freja die Schüssel mit den Kirschen in die Hand.

Anja ist eigentlich gelernte Einzelhandelskauffrau, doch in der Produktionsschule im dänischen Hørning hat sie sich für ein Praktikum in der Großkantine entschieden. ”Die ersten Stunden war es schwer”, erklärt sie später, ”aber die wichtigen Wörter wie ”schneller” (hurtigere) und ”fertig” (gjort) hab’ ich sofort gelernt. Und die anderen haben mich auch so schnell aufgenommen. Die wissen ja auch oft nicht mehr als ich. Also, ich mein’ Küche, das ist schon auch mal anstrengend, aber mir macht es Spaß, die Arbeit hier”.

Anja ist eine der DessauerInnen, die im November 2011 im Rahmen des Projektes MOBA ein Praktikum in Dänemark absolviert haben.

Nicht alle in der Gruppe haben bereits wie Anja eine abgeschlossene Berufsausbildung und einige Teilnehmende sind schon seit einigen Jahren nicht mehr in ihrem erlernten Beruf tätig. Eine gemischte Gruppe waren sie, als sie drei Monate zuvor zur Vorbereitungsphase des Projekts starteten. Das betraf das Alter, die Vorerfahrungen und die Gründe für die Teilnahme.

In dieser ersten Zeit lernten Anja und ihre Kollegen einander und ihr Zielland kennen, schulten ihre interkulturellen Fähigkeiten und besuchten Sprachseminare. In einem zweiwöchigen Praktikum in Dessau testeten sie die Möglichkeiten für ihre Einsatzgebiete im November. Als sie schließlich einige Tage zusammen ein gemeinsames Gruppenseminar in Magdeburg durchführten, stand für alle fest: wir sind gerüstet für Dänemark!

In der Einrichtung des dänischen Kooperationspartners, einer Produktionsschule in Hørning, hatten Sie die Möglichkeit sich in verschiedenen Berufsbereichen zu erproben. So entschlossen sich einige der Teilnehmenden, ihre bereits vorhandenen Kenntnisse in den Holz- und Metallwerkstätten aufzufrischen. Andere nahmen wie Anja die Chance war und erarbeiteten sich komplett neues Wissen. Zwei aus der Gruppe entschieden sich für ein kreatives Praktikum in der Grafikabteilung der Einrichtung. Dort meisterten sie die Hürde eines englischsprachigen Computerprogramms und lernten den Bereich der Produktfotografie von der Erstellung des Bildes bis zur Nachbearbeitung kennen. Gerade für den lernbehinderten Sven war dies eine große Herausforderung, welche er aber durch seine Computerbegeisterung gut meisterte.

Die in den einzelnen Bereichen aufgeschnappten Wörter konnten Anja und die anderen in weiterführenden Sprachkursen in ihrer Freizeit in Dänemark ausbauen. Besonders in Erinnerung wird dabei der Besuch einer Deutschstunde an einer weiterführenden Schule bleiben, in der die Gruppe den dänischen Schülern ihre Heimat Dessau-Roßlau vorstellte.

Gerade die Sprache war für viele im Vorfeld des Projekts ein Grund für Bedenken. Rolf, ein älterer Teilnehmer, formulierte es so: „Also viele haben sich ja mit Englisch ausgeholfen, aber das war für mich nicht so leicht. Ich habe hier fast genauso viel Englisch wie Dänisch gelernt. Russisch kann ja hier niemand.“

In mehreren Exkursionen lernten die Teilnehmenden auch die kulturellen und sozio-ökonomischen Gegebenheiten Dänemarks vor Ort kennen und besuchten u.a. eine Baumschule und ein Musikstudio.

Anja und die anderen konnten viel an neuerworbenen beruffachlichen Fähigkeiten und organisatorischen Kompetenzen mit nach Hause nehmen. Ebenso eine gehörige Portion neues Selbstvertrauen. Lasse, Ausbilder in der Holzwerkstatt der Produktionsschule, beobachtete Folgendes:

„Als Rolf am Anfang des Monats in die Werkstatt kam, traute er sich kaum an das Werkzeug. Ich hatte auch Bedenken, da er nicht mehr der Jüngste ist, ob er mit den anderen zurechtkommen würde, gerade auch wegen der Sprache. Aber in der zweiten Hälfte des Monats sah ich dann wie er einem unserer dänischen Schüler zeigte, wie man sich beim Holzabholen leichter tut – einfach so mit Zeichensprache. Er hat gemerkt, dass sein Wissen und damit er etwas wert sind“.

In der Nachbereitungsphase, welche sich direkt an die Rückkehr aus dem Auslandspraktikum am 01.12.2011 anschloss, konnten die neuen Ideen und damit die Berufsplanung in einem individuellen Vermittlungscoaching umgesetzt werden, was zu ersten Erfolgen und Vorstellungsgesprächen führte. Die Erfahrung, in einem völlig fremden Umfeld mit einer anderen Sprache zurechtgekommen zu sein, sticht in einem Bewerbungsanschreiben hervor. Für Anja liefen die Vorstellungsgespräche sogar so gut, dass sie sich für eine Probearbeit qualifizieren konnte und, wenn alles gut läuft, mit einer Ausbildung in einer Hotelkette beginnen könnte.

Am letzten Tag der Nachbereitungszeit, dem 22.12.2011, blickte die Gruppe gemeinsam mit den Betreuenden in einer Verabschiedungs- und Weihnachtsfeier auf die ereignisreiche Zeit und einen spannenden Auslandsaufenthalt in Dänemark zurück. Am Ende erhielt jeder den Europass, ein Zertifikat welches die erworbenen Qualifikationen und Kompetenzen belegt und so die berufliche Mobilität in der EU fördert.

Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die nächsten Gruppen, die in Polen oder Dänemark ihr Auslandspraktikum durchführen werden. Dabei sind Durchgänge im Burgenlandkreis, im Saalekreis, im Kreis Anhalt-Bitterfeld und wiederum in Dessau-Roßlau vorgesehen.

Teilnehmen können Arbeitssuchende jeglichen Alters, die ein Interesse daran haben ihre Beschäftigungschancen auszubauen. Während der Projektteilnahme werden die Leistungen durch das zuständige Jobcenter weitergewährt und die anfallenden Kosten für An- und Abreise, Unterbringung und Verpflegung über das Projekt finanziert. Die nächste Gruppe startet am 02.04.2012 im Burgenlandkreis mit der Vorbereitungsphase.

Interessenten können sich bei Ihrem zuständigen Jobcenter oder > hier melden.

(*Name von der Redaktion geändert)

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