CSR Info 45/2015: Stromverbrauch in Deutschland 2014 gesunken

Droht das Platzen einer „CO2-Blase“?

von Helmut Krodel und Peter Schmitt

Der Stromverbrauch in Deutschland ist nach ersten Schätzungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen 2014 erstmals wieder nach 3 Jahren gesunken (siehe Übersicht).Betrug die Bruttostromerzeugung 2013 noch 633,2 Mrd. kWh, waren es nach den derzeit verfügbaren vorläufigen Angaben im Jahr 2014 noch 610,4 Mrd. kWh. Eine der Erklärungen für die Einsparung von über 20 Mrd. kWh ist auch der relativ warme Winter Anfang 2014.

Erneuerbare Energien überflügeln Braunkohle

Die Braunkohle, seit 2007 immer größter Einzelposten der Energieträger, wurde 2014 erstmals von den erneuerbaren Energien übertroffen:

Bruttostromerzeugung nach Energieträgern ( in Mrd. kWh)

20132014
Braunkohle160,9156,0
Kernenergie97,396,9
Steinkohle121,7109,9
Erdga67,558,5
Mineralölprodukte7,25,0
Erneuerbare152,4 157,4
Übrige Energieträger26,2 26,7
633,2 610,4

(Quelle: AG Energiebilanzen, 12.12.2014)

Die „Denkfabrik“ Agora-Energiewende, in deren Rat auch die IG BCE durch ihren Vorsitzenden Michael Vassiliadis vertreten ist, veröffentlichte am 07. Januar 2015 nachfolgende Graphik, aus der auch der Anteil der einzelnen erneuerbaren Energieträger zu entnehmen ist:

Grafik 1

Die wesentlichen Entwicklungen des Jahres 2014 fasst Agora Energiewende wie folgt zusammen: (Die Energiewende im Stromsektor: Stand der Dinge 2014).

Grafik 2

Rückgang der CO2-Emissionen in Deutschland 2014 um ca. 3 Prozent

Durch den geringeren Stromverbrauch ist auch erstmals wieder ein deutlicher Rückgang bei den CO2-Emissionen zu verzeichnen. Bundesumweltministerin Barbara Hendriks geht davon aus, „dass die Treibhausgasemissionen in Deutschland in 2014 um etwa drei Prozentpunkte gesunken sind. Damit kommt der Klimaschutz in Deutschland endlich wieder in die richtige Richtung“. (BMUB, Pressemitteilung Nr. 273/14)

CO2-Emissionen verschiedener Energieträger
Die einzelnen Energieträger erzeugen bei ihrer Verbrennung unterschiedlich große CO2-Emissionen.

Den Einfluss der unterschiedlichen Energieträger auf die CO2-Emission verdeutlicht nachfolgende Graphik. Sie zeigt die spezifischen äquivalenten CO2-Emissionen in Gramm pro kWh. Gleichzeitig zeigt sie, aus den von Hermann Josef Wagner u. a., untersuchten Literaturquellen, die Ober- und Untergrenzen der CO2-Emissionen pro Energieträger, sowie die „plausiblen Energiebereiche“ die zwischen den Ober- und Untergrenzen liegen.

Demnach liegen die Plausibilitätsbereiche bei der Verbrennung von Braunkohle bei  850 – 1200 g CO2/ kWh, bei Gas  400-500 g CO2/kWh und bei der Photovoltaik bei 50 – 100 g CO2/kWh, obwohl bei diesen Energieträgern auch gleichzeitig höhere Obergrenzen in der Literatur festgestellt wurden.

CO2-Emissionen der Stromerzeugung nach verschiedenen Energieträgern

Grafik: Bandbreiten der Ergebnisse aus allen Literaturquellen mit plausiblen Ergebnisbereichen

Grafik 3

Weltweiter Rekord bei CO2-Emissionen erreicht

Die Internationale Energieagentur (IEA-International Energy Agency) hatte den Delegierten der letzten Weltklimakonferenz im Dezember 2014 in Lima, für ihre Beratungen über die Vorarbeiten zu einen neuen Weltklimavertrag, aktuelles Zahlenmaterial zu den CO2-Emissionen aus der Verbrennung von Brennstoffen vorgelegt (IEA CO2-Emission from fuel Combustion – Highlights – 2014 Edition).

Demnach wurden 2012 insgesamt 31,7343 Mrd. Tonnen CO2 aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe in die Erdatmosphäre freigesetzt.

Deutschland auf Platz 6 der größten CO2-Verursacher

Deutschland belegte hinter China, den USA, Indien, Russland und Japan den sechsten Platz mit 755,3 Mio Tonnen CO2-Emissionen. (IEA, 2014, S. 36ff)

Die TOP-10-Länder, zu denen auch noch Korea, Kanada, Iran und Saudi-Arabien gehören, emittierten 2012 ca. 21 Gigatonnen CO2, d.h. 10 Länder sind für zwei Drittel des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich (IEA, 2014, S.10)

Der Anteil Deutschlands an den weltweiten Gesamtemissionen betrug  2,38 %.

Aufgeteilt nach einzelnen Energieträgern ergibt sich folgendes Bild für die CO2-Emissionen (in Gigatonnen), sowie die Steigerungsraten zwischen 1990 und 2012:

Energieträger und CO2-Emissionen 2012

Jahr                                       2012                   Steigerung zwischen 1990 – 2012

 

Gesamt                                 31.734 GT                   51.3 %

davon

Kohle                                     13.928 GT                   67.4 %

Öl                                           11.205 GT                   27.2 %

Gas                                        6.439 GT                    69.2 %

(vgl. IEA, 2014, S.36ff.)

CO2-Emission durch Kohleverfeuerung in Deutschland fast so hoch wie in Afrika mit 1.1 Milliarden Menschen

Die CO2-Emissionen durch die Kohleverfeuerung betragen 13.928 GT. Sie stellen damit 43.84 % aller CO2-Emissionen durch die Verbrennung fossiler Energieträger dar.

Deutschland kommt mit 317.5 Mio. Tonnen CO2 durch die Kohleverfeuerung auf einen Anteil von 2.2 % an den weltweiten CO2-Emissionen durch Kohle.

Damit verursacht Deutschland mit der Kohleverfeuerung fast so viele CO2-Emissionen wie der gesamte afrikanische Kontinent mit 1.1 Milliarden Einwohner durch Kohleverfeuerung (329.3 Mio. Tonnen, IAE, 2014 S.40)

Keine Atempause

In der Europäischen Union, die mit ihren 28 Ländern durch Kohleverfeuerung 1.1 GT CO2 emittiert, liegt Deutschland mit einem Anteil von 27.9 % weit vor allen anderen europäischen Ländern. (IEA, 2014, S.39)

Auch wenn Deutschland „nur“  2.3 % an den Gesamt-CO2-Emissionen hält, wurden auf den vergangenen Weltklimakonferenzen, die Relationen z. B. zu den Gesamtemissionen des afrikanischen Kontinents, von den dortigen Delegierten in die Diskussion eingebracht. Und auch als Argument benutzt, dass die reichen Industrieländer, zukünftig weitere Anstrengungen unternehmen müssen, um ihre CO2-Emissionen zu reduzieren und um die Entwicklungsländer bei Maßnahmen zur Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels finanziell zu unterstützen.

Hier wird auch Deutschland als fünftgrößte Industrienation der Erde weiterhin eine besondere Rolle zukommen. Und die Entscheidungen in Deutschland über die zukünftige veränderte Nutzung der verschiedenen Energieträger, wird dabei einen wesentlichen Einfluss auf die Vorreiterrolle Deutschland bei den anstehenden Verhandlungen um einen neuen Weltklimavertrag haben. Der neue Weltklimavertrag, der bei der nächsten Weltklimakonferenz Ende 2015 in Paris unterzeichnet werden soll,  soll das Ziel haben, die zukünftigen CO2-Emissionen zu begrenzen und zu reduzieren, um den Anstieg der Erderwärmung auf 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Wert zu begrenzen.

Droht eine „CO2-Blase“ zu platzen?

Während des letzten Weltwirtschaftsforums in Davos wurde in verschiedenen Veranstaltungen über das drohende Platzen einer Kohlenstoff-  bzw. „CO2-Blase“ diskutiert.

Ausgangspunkt dabei waren u. a. die Berechnungen der Carbon Tracker Initiative (CTI), einem britischen Think-Tank von Finanz-, Energie- und Rechtsexperten (siehe dazu: www.carbontracker.org )

CTI errechnete wieviel CO2 noch in der Erdatmosphäre ausgestoßen, bzw. in ihr „deponiert“ werden kann, will man das „2-Grad-Ziel“ bei der Erderwärmung einhalten und ohne dass technisch ausgereifte und wirtschaftlich vernünftig einsetzbare CCS („carbon capture and storage“)-Technologien zur Verfügung stehen.

Dementsprechend können zukünftig nur noch knapp 1000 GT CO2 emittiert werden. Berücksichtigt man allerdings, dass derzeit von förderbaren fossilen Brennstoffreserven ausgegangen wird, die insgesamt 4600 GT CO2 emittieren würden, können nur noch 20 % der fossilen Energieträger zukünftig genutzt werden.

Sind 80 % der fossilen Brennstoffreserven „gestrandet“?

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass 80% der fossilen Brennstoffe zukünftig nicht mehr verbrannt werden dürfen, will man das 2-Grad-Ziel einhalten und damit die Auswirkungen des Klimawandels begrenzen.

Für die einzelnen Energieträger bedeutet dies, dass ca. 80 % der Kohlereserven, 40 % der Gasreserven und 40 % der Ölreserven nicht gefördert und verbrannt werden dürfen. Sie gelten unter Finanzinvestoren als gestrandete Vermögenswerte („strandet assets“)

Allein im Jahr 2012 haben die 200 größten fossile Brennstoffunternehmen der Erde 674 Mrd. $ in die Erkundung und Entwicklung von fossilen Brennstoffreserven investiert (siehe: CERES, Carbon Tracker)

Wenn Bergbau- und Energieunternehmen zukünftig einen (Groß-)Teil ihrer Reserven nicht mehr fördern und verkaufen können, hat dies Auswirkungen auf die  zukünftigen Gewinnerwartungen, wie auch auf die Bewertungen der Vermögenswerte der Unternehmen, d.h. Aktienkurse dieser Unternehmen könnten signifikant einbrechen.

Ende vergangenen Jahres hatte es bereits eine Initiative verschiedener Investitionsfonds  gegeben zu denen u. a. der französische Pensionsfond FRR, der schwedische Pensionsfond AP4 und das Carbon Disclosure Project (CDP) gehören. So sollen in diesem Jahr bereits 100 Milliarden Dollar nach Klima schonenden Kriterien investiert werden.

Gefährdete fossile Brennstoff-Vermögenswerte

Nachfolgendes Schaubild von CERES und Carbon Tracker zeigt, dass bis Ende 2100 nur noch 987 GT CO2 durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen emittiert werden können. Weitere fossile Brennstoffreserven, die 3639 GT CO2 emittieren würden, könnten nicht verbrannt werden, will man das 2-Grad-Ziel erreichen, ohne dass kommerziell anwendbare CCS-Technologien zur Verfügung stehen.

Nicht-verbrennbare Kohlenstoffreserven (in GigaTonnen CO2)

Grafik 4

90 Unternehmen verursachen 63 % aller CO2-Emissionen seit 1751

Nach einer Studie des US-Wissenschaftlers Richard Heede (Carbon Major– Accounting for carbon and methane emissions 1854 – 2010 , Methods & Results Report, 2014) verursachten 90 Unternehmen 63 % aller CO2-Emissionen seit 1751, davon wurde die Hälfte erst seit 1986 emittiert. (Heede, 2014, S.5) Insgesamt wurden in den 250 Jahren seit 1751, 1323 GT CO2 emittiert. Von den 90 Unternehmen kommen 56 aus dem Öl- und Gasbereich, 37 aus dem Kohlebereich und 7 sind Zementhersteller. (Heede, 2014, S.5)

Aus Deutschland finden sich unter den 90 Unternehmen die RAG auf Rang 62 (mit einem Anteil von 0,08 % an den Gesamt- CO2-Emissionen zwischen 1751 und 2010) und  HeidelbergCement auf Rang 75 (Anteil: 0,04%). (Heede, 2014, S.27f.)

 

Redaktion
verantwortl.: Helmut Krodel, Peter Schmitt
Onlineredaktion: Reiner Eckel

Herausgeber
Qualifizierungsförderwerk Chemie GmbH
Stiftung Arbeit und Umwelt

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