Vom Überschuss zur Knappheit. Fachkräftesituation in Ostdeutschland.

Sozialpartnertagung in Leuna analysiert Problemlagen und diskutiert Lösungswege. 

„Die Ziele sind oft identischer als wir glauben“, stellt Petra Reinbold-Knape in der Begrüßung der Tagungsteilnehmer-/innen fest. Als Landesbezirksleiterin der IG BCE kennt sie die Situation in der Branche. Fachkräftesicherung sei seit langem ein zentrales Thema der Sozialpartner in der Chemischen Industrie. „Bildung ist das Wichtigste für die Zukunft“ so Reinbold-Knape und verweist darauf, dass gerade die Sozialpartner in der Chemie gute Beispiele für erfolgreiche Strategien in der Praxis vorzuweisen hätten.

Dr.Paul Kriegelsteiner, Hauptgeschäftsführer Nordostchemie: „Wenn wir den Rohstoff Nachwuchskräfte vergessen, brauchen wir uns um Energiefragen der Zukunft keine Sorgen machen“. Kriegelsteiner wirft damit einen Seitenblick auf die derzeit dominierenden Debatten um die Energiewende. Ihm mache der Fachkräftenachwuchs gerade für die Industrie größere Sorgen.

Die „demografische Falle“ schnappt zu
Zuvor hatte Bettina Wiener vom zsh Halle  für die Tagungsteilnehmer den Fachkräftebedarf-Handlungsbedarf analysiert. Aus ihrem Rückblick auf die Nachwendezeit und „eine scheinbar positive Sozialauswahl“ in der Industrie sei zwar klar, dass manches Problem bis heute nachwirkt. Allerdings hätten Unternehmen teilweise zu spät auf demografische Veränderungen reagiert.
So gäbe es heute einen deutlich sichtbaren Zusammenhang zwischen alter Belegschaft und Ausbildungsbereitschaft – je älter die Belegschaft, umso weniger werde ausgebildet.

Nach den Recherchen des zsh gäbe es bei jungen Menschen verstärkt neue Erwartungen an Arbeitgeber und Konditionen der Arbeitsverträge. Arbeitgeber auch die in der Chemiebranche seien gut beraten, mit entsprechenden Instrumenten auf diese neuen Anforderungen zu reagieren.

Gute Beispiele aus der Praxis
Im Zentrum der betrieblichen Strategie der Fachkräftgewinnung bei Infra Leuna stehe die Fachkräftesicherung, stellt Personalchefin Ingelore Kapust fest. Aus ihrer Arbeit an Sachsen-Anhalts größtem Chemiestandort wisse sie – Arbeitnehmer-/innen heute suchen attraktive Arbeitgeber. Dabei käme es auf vieles an, so Kapust. Neben der Zahlung eines fairen Lohnes habe sich InfraLeuna seit längerem auch auf vermeintlich „weichere“ Faktoren konzentriert. Dazu gehörten neben familienfreundlichen Arbeitsbedingungen auch Fragen der Gesundheitsvorsorge und etwa attraktive Freizeitangebote in Arbeitsortnähe. Das zeige auch Wirkung, denn mit einer Fluktuationsrate von unter 1%  und einer Übernahmequote von 80% sieht Kapust ihr Unternehmen auf dem richtigen Kurs.

Standards unterstützen nachhaltig
QFC-Geschäftsführer Helmut Krodel präsentierte QFC-Projekte, die mit Qualitätsstandards die Fachkräftegewinnung im Land nachhaltig unterstützen. Das Berufswahl-SIEGEL Sachsen-Anhalt sei inzwischen als geschütztes Zertifizierungsverfahren im Land etabliert. So hätten die hohen Standards des Berufswahl-SIEGEL den Schulen spürbar geholfen, mit einer systematischen und individualisierten Herangehensweise die Berufswahlorientierung zu verbessern.
Mit dem von QFC entwickelten Qualitätssiegel Q3SQ, so Krodel, werde erstmals versucht, soziale und Standards zur Nachhaltigkeit in der Aus- und Weiterbildung dauerhaft zu platzieren. Vier Bildungsdienstleister hätten sich bereits erfolgreich der Zertifizierung gestellt.

Aus- und Weiterbildung tariflich gut flankiert
In der chemischen Industrie sei die Fachkräftesicherung durch tarifliche Regelungen gut flankiert, betonte Bernd Wolter vom Arbeitgeberverband Nordostchemie. Hilfe biete auch der Berufskompass Chemie, der auf der Veranstaltung von Eva Kotermann vom QFC vorgestellt wurde. Das Informationsportal der Sozialpartner unterstützt Weiterbildungsinteressierte durch Leitfragen bei einer Standortbestimmung und zeigt Fördermöglichkeiten auf.

Gut aufgestellt-die Bildungsdienstleister für die Industrie
Im Ringen um Lösungen zur Beherrschung des demografischen Wandels sind die Bildungsdienstleister erfahrene und verlässliche Partner an den Chemiestandorten. Stellvertretend betonten Steffen Staake für BAL IBLM in Leuna und Andrei Kretzschmar für AVO Schkopau die Notwendigkeit einer effektiven Berufsvorbereitung an den Schulen. Die für betriebliche Erstausbildung an den Standorten verantwortlichen Verbundausbilder würden seit längerem Jahr für Jahr weniger für Ausbildung geeignete Bewerber-/innen rekrutieren können. Künftig werde es  neben der beruflichen Erstausbildung zunehmend auch auf Weiterbildung von Beschäftigten ankommen, wolle man dem Fachkräftemangel entscheidend entgegen wirken.

Politik reagiert
Für das Ministerium für Arbeit und Soziales gab Wolfgang Beck einen Ausblick, was aus Sicht der Landesregierung künftig Schwerpunkte sein werden. „Wir müssen sichern, dass wir gute Arbeit im Land haben,“ so Beck.
Als Ziel gesetzt habe sich das Land, dass alle Jugendlichen nach Schulabschluss einen Ausbildungsplatz erhalten. Parallel dazu werde erhebliches Potenzial in der Weiterbildung gesehen. Deshalb werde die Landesregierung hier in verschiedenen Bereichen stärker investieren.

Die Arbeitsagenturchefin Petra Bratzke lobte das Ausbildungsengagement der chemischen Industrie. Das gäbe es so in keiner anderen Branche. Dennoch gelänge es auch in der chemischen Industrie nicht, Ausbildungsplätze zu besetzen und ausreichend Fachkräfte zu rekrutieren. Bratzke sieht trotz des hohen Standards der Ausbildung in der Industrie, trotz guter Löhne und trotz guter Arbeitsplätze einen Bedarf, die Attraktivität einer beruflichen Entwicklung in dieser Branche stärker zu bewerben.

Gemeinsame Erklärung
In der gemeinsamen Presseerklärung zur Tagung betonen Arbeitgeberverband Nordostchemie und IG BCE:

„Wir sind stolz darauf, dass wir mit unseren fortschrittlichen Tarifverträgen die Folgen des demographischen Wandel aktiv beeinflussen können. Das zeigen viele betriebliche Beispiele“, sagt Petra Reinbold-Knape, Landesbezirksleiterin der IG BCE. Dr. Paul Kriegelsteiner, Hauptgeschäftsführer der Nordostchemie, ergänzt: „Wir sind stolz darauf, das wir erstmals alle Akteure der Fachkräftesicherung Ostdeutschlands hier versammelt haben.“

Beide seien davon überzeugt, dass die Berufswege in der Chemie erfolgreich sind. Praktische Beispiele präsentierten heute die InfraLeuna GmbH, die TOTAL Raffinerie und das Qualifizierungsförderwerk Chemie GmbH (QFC). Da dies aber keine Selbstverständlichkeit sei, wird die berufliche Qualifikation durch die Chemiesozialpartner flankiert. So gäbe es Vereinbarungen über die Zahl der neuen Ausbildungsplätze oder die Förderung für leistungsbereite Jugendliche mit schlechtem oder fehlendem Schulabschluss. Personalentwicklung habe eine große Bedeutung. Den Beschäftigten böten sich vielfältige Chancen für die eigene Entwicklung.

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