Macht uns Arbeit krank? Was Experten sagen.

Zweite DemTV Netzwerkkonferenz: „Erhalt psychischer Gesundheit – Unternehmen sind gefragt!“.

Rund 100 Betriebsräte, Personalverantwortliche aus den Unternehmen sowie Experten und Expertinnen aus der Wissenschaft diskutierten vom 13. bis 14. März 2012 im historischen  Gallusviertel zu Frankfurt am Main, Ursachen und Folgen psychischer Belastungen am Ar­beitsplatz.

Eröffnet wurde die Konferenz von Peter Hausmann, Mitglied des geschäftsführenden Haupt­vorstandes der IG BCE. In seinem Grußwort wünschte er eine gelungene Konferenz, die an einer neuen Gestaltung von Rahmenbedingungen in Hinsicht auf Beschäftigungskonzepte mitwirkt. Der Leistungsdruck in den Unternehmen sei enorm gestiegen. Nachweislich resul­tierten hieraus zahlreiche körperliche Beschwerden und Krankschreibungen. Hier müsse der Frage nachgegangen werden, was dies für die Praxis bedeute. Die Konferenz biete hierzu die notwendige Plattform.

Zahlreiche Beiträge aus Wissenschaft und Praxis konnten den Teilnehmenden in den ein­einhalb Tagen vorgestellt werden. Dazu gehörte der leitende Oberarzt Dr. Werner Kissling vom Centrum für Disease Management der TU München. In seinem Vortrag machte er da­rauf aufmerksam, dass Burnout nur eine Folge der ständigen Überlastung sei; etwa 30 Pro­zent aller Beschäf­tigten würden während ihres Berufslebens psychisch erkranken. Seines Erachtens müssten auch andere psychische Störungen oder Suchtkrankheiten als gravie­rende Folgen einer ste­tigen Überlastung Beachtung finden.

Daran anknüpfend, stellte Prof. Ralph Bruder vom Institut für Arbeits­wissenschaft der TU Darmstadt und Präsident der Gesellschaft für Ar­beitswissenschaft e. V., in seinem Vortrag fest, dass vor allem die heu­tige „just-in-time“-Arbeitsweise zu Stress führe. Kritisch merkte er an, dass dieses Verhalten jeden Einzelnen beträfe und zwar dann, wenn man selbst noch am Sonntagabend bei großen Versandhäusern Be­stellungen aufgibt, mit der Erwartung, dass diese montags morgens im Briefkasten sind.

Für die politische Verortung des Themas sorgte Ministerialrat André Große-Jäger, Referats­leiter beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. In seinem Beitrag machte er noch einmal auf die Folgen einer zunehmenden dynamisierten Arbeitswelt deutlich und belegte anhand aktueller Analysen, dass der demografische Wandel endlich zu einem Umdenken in den Unternehmen führen müsse. Aus diesem Grund hält auch er das Projekt DemTV für eine wichtige Wegmarke den demografischen Wandel sozial und flexibel zu gestalten.

Prof. Sonia Lippke, vom Jacobs Center on Lifelong Learning and Institutional Development der Jacobs University Bremen, rückte in ihrem Beitrag „Gute Absichten und viel dahinter? – Strategien, um etwas für sich selbst zu tun“ weniger das Thema Gesundheitsförderung aus Betriebsperspektive in den Mittelpunkt, sondern vielmehr das individuelle Verhalten des Ein­zelnen. Sie machte deutlich, dass es vor allem der „innere Schweinehund“ ist, der Menschen im Alltag davon abhält für seine Gesundheit aktiv zu werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch nicht, dass Unternehmen aus der Pflicht genommen werden sollen, vielmehr ist es ihre Aufgabe diese Erkenntnis bei der Gesundheitsförderung zu berücksichtigen.

Abgerundet wurde der erste Tag durch eine Podiumsdiskussion unter der Moderation von IG BCE-Vorstandssekretär Francesco Grioli. Die Podiumsteilnehmenden waren sich darin einig, dass der Gesundheitsförderung und insbesondere dem Erhalt psychischer Gesundheit ein größerer Stellenwert beigemessen werden muss. Während Dr. Werner Kissling aus seiner Erfahrung die Einführung gesundheitsfördernder Maßnahmen in den kommenden Jahren positiv einschätzte, teilte Ministerialrat André Große-Jäger diese Sichtweise nicht und sieht noch viel Handlungsbedarf. Hauptsächlich Birgit Kuhlhoff, Betriebsratsvorsitzende der Sasol Germany GmbH, betonte noch einmal den Zusammenhang zwischen Führungskultur und dem gesundheitlichen Zustand der Beschäftigten. Offen blieb in diesem Zusammenhang die Frage, wie mit Führungskräften umgegangen werden soll, die nicht mitarbeiterorientiert füh­ren. Auch aus diesem Grund wird die nächste Konferenz im Dezember 2012 das Thema Führungskultur behandeln.

Eröffnet wurde der zweite Tag durch Dr. Erich Latniak vom Insti­tut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Dr. Latniak konnte Ergebnisse aus Projekten der IT-Branche präsen­tieren, in denen stressauslösende Faktoren analysiert wurden. Mangelnder Gestaltungseinfluss, schlechtes Führungsverhalten sowie flexible Arbeitszeiten und Hochleistungskultur führen zu permanentem Stress und infolge zu Burnout. „Ihr sollt euch zwar totarbeiten… aber doch nicht gleich Selbstmord begehen“, mit diesem Zitat zur Selbstmordserie der France Télécom-Mitarbeiter 2010 schloss Dr. Latniak seinen Vortrag und machte damit deutlich, dass neben der Arbeits­organisation insbesondere das Führungsverhalten die Gesundheit der Mitarbeiter beein­flusst.

Eine Handreichung wie die psychische Belastung am Arbeitsplatz ermittelt werden kann, stellte Dr. Jana May-Schmidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in ihrer Präsentation vor. Das Projekt „psyga-transfer – psychische Gesundheit in der Arbeits­welt“ läuft noch bis zum 31.12.2013, stellt aber schon jetzt wichtige Handlungsleitfäden für Beschäftigte und Führungskräfte zur Verfügung.

Im Anschluss an die Vorträge gab es für die Teilnehmenden die Gelegenheit, sich in den vier Foren „Erfahrungen beim Abschluss einer BV zu psychischen Belastungen“, „Der Weg zum psychisch und physisch gesunden Unternehmen – „Hilfe zur Selbsthilfe““, „Der Weg zum psychisch gesunden Unternehmen – „Unterstützung“ von außen“ und „Angebote / Koopera­tion mit Krankenkassen, Psycho-soziale Beratung bei Merck – Vorstellung einer betrieblichen Sozialberatungsstelle“ praxisnah zu unterschiedlichen Aspekten psychischer Gesundheit, auszutauschen. So gab es Antworten zu den Fragen was können Unternehmen leisten, was sollten sie leisten, welche Erfahrungen haben Unternehmen mit Thema psychische Gesund­heit gemacht, welche Instrument können eingesetzt werden und vieles mehr.

Das Schlusswort der Konferenz übernahm RA Stephan Meissner, Geschäftsführer der Ver­einigung der Arbeitgeberverbände der Deutschen Papierindustrie e.V. (VAP). Er fasste die wichtigsten Aussagen aus den Beiträgen der Konferenz zusammen und  forderte alle Betei­ligten auf, dazu beizutragen, dass alle Beschäftigten gesund und gut gelaunt zur Arbeit kommen und auch Freude an der Arbeit verspüren.

> DemTV Homepage    > DemTV auf Twitter

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.