CSR Info 60 / 2016

CSR Info 60-2016

3 Erden für unseren Lebensstandard

Von Helmut Krodel und Peter Schmitt


  • „Würden alle Menschen auf der Welt so leben wie wir, dann bräuchten wir drei Planeten“

    (Bundesumweltministerin Hendricks, 8. September 2016, BMUB Pressemitteilung 215/16)

  • Überschreitung der Ressourcenkapazität

  • Den Ökologischen Wandel gestalten – Integriertes Umweltprogramm 2030

  • „Zweites Preisschild“ – Wo bleibt die soziale Dimension?

  • Deutsches Ressourceneffizienzprogramm

    In diesem CSR-Info dokumentieren wir u. a. Auszüge aus dem neuen „Integrierten Umweltprogramm 2030 – den ökologischen Wandel gestalten“ des Bundesumweltministeriums sowie aus dem „Deutschen Ressourceneffizienzprogramm II.

 „Ein einfaches `Weiter so´ kann es nicht geben“

„Unser Planet stößt an die Grenzen seiner Belastbarkeit. Ein einfaches `Weiter so´ kann es nicht geben. Es ist Zeit für eine neue, gestärkte Umweltpolitik, die sich der globalen Herausforderung systematisch annimmt und einen grundlegenden ökologischen Wandel einleitet“,

so die Bundesumweltministerin Hendricks bei der Vorstellung des neuen Umweltprogramms. (Pressemitteilung BMUB, September 2016)

Die drei Planeten, die die Bundesumweltministerin anführt, ergeben sich aus dem derzeitigen ökologischen Fußabdruck Deutschlands, hochgerechnet auf die Weltbevölkerung.

Der globale ökologische Fußabdruck weist aus, wie groß die Erde sein müsste, um alle momentanen Bedürfnisse der Menschheit dauerhaft zu befriedigen und daraus entstehende Abfallprodukte sowie CO2 biologisch zu verarbeiten. Großen Einfluss auf den ökologischen Fußabdruck haben z.B. Wasserverbrauch, Lebensmittelproduktion, Wohnen und Brennstoffe.

Eine Einführung in den ökologischen Fußabdruck gibt es in dem Video aus der arte-Reihe „Mit offenen Karten

Integriertes Umweltprogramm 2030

In dem neuen Umweltprogramm „Den Ökologischen Wandel gestalten – Integriertes Umweltprogramm 2030 “ ( weiterführend benannt: IUP 2030) (Link zu Anlage) des Bundesumweltministeriums werden Leitziele und Vorschläge formuliert,  wie Schlüsselbereiche von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, umweltgerecht und nachhaltig gestaltet werden können.

Hendriks sagte, Deutschland trage Mitverantwortung dafür, dass insgesamt vier der neun planetaren Belastungsgrenzen überschritten seien, etwa beim Klimawandel, bei der Belastung durch Phosphor und Stickstoff und beim Verlust tropischer Regenwälder:

„Unser Lebensstil, unser Konsum, unsere global vernetzte Volkswirtschaft nehmen die natürlichen Ressourcen des Planeten in einem Ausmaß in Anspruch, das Lebens- und Entwicklungschancen in anderen Teilen der Welt gefährdet (…)“,

Armut, Hunger, Arbeitslosigkeit und kriegerische Konflikte seien in vielen Ländern Folgen einer nicht-nachhaltigen Entwicklung (Pressemitteilung BMUB, September 2016)

Planetare Belastbarkeitsgrenzen im Überblick

(BMUB 2016, S.12)

Abb1 Planetare Belastung CSR Info 60/2016

Das Integrierte Umweltprogramm 2030 enthält Vorschläge für eine umweltgerechte Wirtschafts- und Finanzpolitik, für eine Stärkung der Umweltpolitik des Bundes, für ein neues Wohlfahrtsverständnis und zur Unterstützung nachhaltigen Handelns von Bürgern und Unternehmen.

Kernbotschaften des Integrierten Umweltprogramms 2030

Nachfolgend eine Übersicht der Kernbotschaften des Integrierten Umweltprogramms:

Kernbotschaften

2. Welche Grundlegenden Veränderungen notwendig sind:

  • Um den umweltpolitischen Herausforderungen wirksam zu begegnen, sind grundlegende Veränderungen in Gesellschaft, Industrie und Landwirtschaft, Energie- und Ressourcennutzung, Verkehr und Infrastruktur unabdingbar.
  • Wir wollen eine sozial-ökologische Marktwirtschaft, die zukunftsfähige Konsum- und Lebensstile sowie innovative Arbeits- und Geschäftsmodelle fördert.
  • Wir wollen den Wandel zur Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft auch auf internationaler Ebene stärker vorantreiben.
  • Wir wollen eine Energiewende, die eine nahezu emissionsfreie Energieversorgung aller Sektoren sichert, einen im gesellschaftlichen Dialog mit allen Beteiligten erarbeiteten Fahrplan für den Kohleausstieg verfolgt und klare Kriterien für ihre natur- und sozialverträgliche Umsetzung berücksichtigt.
  • Wir wollen ein Verkehrssystem, das umweltgerechte Mobilität und städtische Lebensqualität ermöglicht, die Energiewende unterstützt und nutzt sowie Lärm- und Luftbelastungen minimiert.
  • Wir wollen eine Landwirtschaft, die die biologische Vielfalt erhält, das Klima schützt, die Intensivsttierhaltung beendet und Stoffausträge auf ein verträgliches Maß mindert.
  • Wir wollen eine Form der Ressourcennutzung und des Konsums, die die ökologischen
    Belastbarkeitsgrenzen in Deutschland und weltweit einhält.

(BMUB 2016, S.17)

Für  umwelt- und klimaverträgliches Wirtschaften, Energie- und Ressourcenwende listet das Integrierte Umweltprogramm folgende Herausforderungen und neue Aufgaben auf:

Herausforderungen und neue Aufgaben

  • Der Umstieg auf umweltverträgliches Wirtschaften steht in einigen Sektoren noch am Anfang, gleichzeitig nimmt der globale Wettbewerb um die grünen Zukunftsmärkte zu.
  • Umweltmanagementsysteme müssen breiter etabliert und thematisch ausgeweitet werden.
  • Die Digitalisierung von Wirtschafts- und Arbeitswelt eröffnet umweltpolitische Chancen und Risiken.
  • Umweltrisiken werden am Finanzmarkt und bei dessen Regulierung unterbewertet.
  • Die Energiewende ist noch nicht vollendet; das Ziel einer weitgehend treibhausgasneutralen Volkswirtschaft bis 2050 erfordert deutlich mehr Veränderungsbereitschaft und Innovation.
  • Der Einsatz natürlicher Ressourcen in Deutschland ist weiterhin sehr hoch und führt auch international zu starken Umweltbelastungen.
  • Nachhaltiger Konsum ist bisher ein Nischenthema.

(BMUB 2016, S.32)

„Das energiepolitische Zieldreieck aus Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Umweltverträglichkeit bleibt dabei die Richtschnur der Energiepolitik. Zentrales umweltpolitisches Ziel ist, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um mindestens 40% und bis 2050 um 80 bis 95%  gegenüber 1990 zu reduzieren.“ (BMUB 2016, S.37f)

Zweites Preisschild zur Stärkung eines nachhaltigen Konsumverhaltens

Bei der Vorstellung des Umweltprogramms wurden auch mehrere Maßnahmen vorgestellt, um nachhaltiges Konsumverhalten zu stärken.

„So sollen Verbraucherinnen und Verbraucher mit Hilfe eines ´zweiten Preisschilds´ über die Umweltkosten von besonders umweltrelevanten Produkten und Dienstleistungen (z.B. Elektrogeräte) informiert werden.“

(Pressemitteilung BMUB, September 2016).


Nachhaltiger Konsum muss auch die soziale Dimension der Nachhaltigkeit berücksichtigen

Ein „zweites Preisschild“ kann einen Beitrag zu einem nachhaltigen Konsumverhalten leisten, allerdings sollten in einem solchen „Preisschild“ nicht nur die ökologische Seite von Produkten und Dienstleistungen, sondern auch die soziale Dimension Berücksichtigung finden. Und dabei müssen z.B. auch die Bedingungen in den Zulieferunternehmen, die für diese Produkte Rohstoffe fördern, berücksichtigt werden.


Nur ein Beispiel: Bergbau im Kongo – Kinderarbeit fürs Smartphone

„Mit bloßen Händen und ohne jeden Schutz: In kongolesischen Minen arbeiten schon Kinder ab sieben Jahren unter lebensgefährlichen Bedingungen, um Kobalt abzubauen. Der Rohstoff steckt in den Akkus von Smartphones, Tablets und Laptops. Männer, Frauen und Kinder riskieren mit ihrer Arbeit im Kleinstbergbau täglich ihre Gesundheit und ihr Leben“. (Thomson 2016)

Nicht nur in der Republik Kongo sondern in zahlreichen anderen Ländern, in denen Rohstoffe für unsere Konsumprodukte gefördert werden, gibt es immer wieder Verstöße gegen die Menschenrechte, gegen das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, gegen das Recht auf Gründung von Gewerkschaften.

» Hier findet sich der vollständige Artikel auf der IG BCE website


Ressourceneffizienz – Schlüssel für nachhaltigen Klimaschutz

Zur Reduzierung der Übernutzung von Ressourcen könnte die Steigerung der Ressourceneffizienz einen wichtigen Beitrag und einen Ansatzpunkt für nachhaltiges Handeln und Wirtschaften leisten.

„Die Ressourceneffizienz ist der Schlüssel für nachhaltigen Klimaschutz. Nur mit einer globalen Ressourcenwende werden wir das 2-Grad-Ziel im Klimaschutz erreichen können. Unser Ziel muss es sein, die Anstrengungen zur Energie- und Materialeinsparung besser zu verzahnen“,

so der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium Schwarzelühr-Sutter.

Nach Berechnungen der OECD und des Weltressourcenrates könnte sich bis 2050 der globale Rohstoffverbrauch mindestens verdoppeln. Die Folgen für die Umwelt durch die CO2-Emissionen und Biodiversitätsverluste wären gravierend. Daher hat die Bundesregierung 2012 ein umfassendes strategisches Konzept zur Steigerung der Ressourceneffizienz beschlossen: Das Deutsche Ressourceneffizienzprogramm (ProgRess) wurde Anfang des Jahres neu aufgelegt und enthält wichtige Maßnahmen, mit denen die Rohstoffgewinnung und der Materialeinsatz effizienter gestaltet werden können.

Für die Unternehmen kann die Ressourceneffizienz ein klarer Wettbewerbsvorteil sein.

„Der Materialeinsatz beim verarbeitenden Gewerbe macht im Durchschnitt über 40 Prozent der Kostenstruktur in deutschen Unternehmen aus.“

(Pressemitteilung BMUB, September 2016)

Deutsches Ressourceneffizienzprogramm II

Programm zur Nachhaltigen Nutzung und zum Schutz der natürlichen Rohstoffe

» Link zur Broschüre

„Die Steigerung der Ressourceneffizienz soll allen drei Dimensionen der Nachhaltigkeit zu Gute kommen und möglichst ohne Wohlstandseinbußen erreicht werden. Sie soll die Umweltbelastungen reduzieren, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und das Wachstum stärken, neue Arbeitsplätze schaffen und bestehende sichern“,

so die Verbindung des Ressourceneffizienzprogramms zur Nachhaltigkeit. (BMUB2, 2016, S.8)

„Zu den natürlichen Ressourcen gehören alle Bestandteile der Natur. Dazu zählen die biotischen und die abiotischen Rohstoffe, der physische Raum (zum Beispiel Fläche), die Umweltmedien (Wasser, Boden, Luft) die strömenden Ressourcen (zum Beispiel Erdwärme, Wind-, Gezeiten- und Sonnenenergie) sowie alle lebenden Organismen in ihrer Vielfalt.

Die natürlichen Ressourcen sind Voraussetzung zur Erhaltung des aktuellen und zukünftigen Lebens auf unserem Planeten. Viele natürliche Ressourcen stehen jedoch nur begrenzt zur Verfügung. Deshalb ist der Schutz der natürlichen Ressourcen, auch für zukünftige Generationen, von existenzieller Bedeutung.“

(BMUB2, 2016, S.8)


Aktuelle Herausforderungen einer nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen

„Die Nutzung der natürlichen Ressourcen steigt seit Jahren kontinuierlich. Der weltweite Primärmaterialeinsatz hat sich in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt. Er stieg von circa 36 Milliarden Tonnen im Jahr 1980 auf rund 78 Milliarden Tonnen im Jahr 2011 an (SER/WU Vienna 2014). Im Jahr 2050 wird die auf bis zu 10 Milliarden wachsende Weltbevölkerung schätzungsweise mehr als 140 Milliarden Tonnen Mineralien, Erze, fossile Brennstoffe und Biomasse in Anspruch nehmen, wenn die heute bevorzugten Konsummuster beibehalten werden (UNEP 2011).“

(BMUB2, 2016, S.9f)


Die Leitlinien des Programms

Die vier Leitlinien des Programms sind:

  • Ökologische Notwendigkeiten mit ökonomischen Chancen, Innovationsorientierung und sozialer Verantwortung verbinden
  • Globale Verantwortung als zentrale Orientierung unserer nationalen Ressourcenpolitik
  • Wirtschafts- und Produktionsweisen in Deutschland schrittweise von Primärrohstoffen unabhängiger machen, die Kreislaufwirtschaft weiterentwickeln und ausbauen
  • Nachhaltige Ressourcennutzung durch gesellschaftliche Orientierung auf qualitatives Wachstum langfristig sichern“

(BMUB2, 2016, S.11)

Deutschlands Rohstoffeinsatz und seine Rohstoffproduktivität

In der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie hat die Bundesregierung 2002 das Ziel festgelegt, die Rohstoffproduktivität (bezogen auf 1994) bis zum Jahr 2020 zu verdoppeln.

Die Rohstoffproduktivität drückt aus, wie viel Bruttoinlandsprodukt (BIP) je eingesetzter Tonne an abiotischem Primärmaterial erwirtschaftet wird. Im Gegensatz zu biotischen Rohstoffen etwa aus Fischerei, Land und Forstwirtschaft werden abiotische Rohstoffe nicht aus Pflanzen oder Tieren gewonnen. Zum abiotischen Primärmaterial zählen heimische Rohstoffe wie Braunkohle und Baumaterialien und alle importierten abiotischen Materialien (Rohstoffe, Halb- und Fertigwaren).

Nachfolgende Abbildung stellt die Entwicklung der Rohstoffproduktivität zwischen 1994 und 2014 (vorläufiges Ergebnis) dar. Die Rohstoffproduktivität erhöhte sich in diesem Zeitraum um 48,8 Prozent.“ (BMUB 2, 2016, S.12)

Abbildung Rohstoffproduktivität und WirtschaftswachstumAbbildung Rohstoffproduktivität

(BMUB 2, 2016, S.12)

Zur Zielerreichung sind noch enorme Anstrengungen erforderlich

Soll das Ziel der Vordoppelung der Rohstoffproduktivität im Zeitraum von 1994 bis 2020 erreicht werden, müssen noch enorme Anstrengungen erfolgen.

In den 20 Jahren von 1994 bis 2014 stieg die Rohstoffproduktivität lediglich um 48,8, d.h. jährlich um 2,4 Prozent.

Für die 6 Jahre zwischen 2014 und 2020 erfordert die Zielerreichung (Verdoppelung der Ressourcenproduktivität gegenüber 1995) eine Steigerung um  weitere 51,8 Prozent, d.h. einer Steigerung von jährlich um 8,6 Prozent.

Und da die Erhöhung der Rohstoffproduktivität direkt in den Zusammenhang mit nachhaltigem Klimaschutz gestellt wird, dürfte auch  das 2-Grad-Klimaziel, bzw. des 1,5 Grad-Ziels  nur unter großen Steigerungen der Effizienz zu erreichen sein.

Quellen:

BMUB (2016): Den ökologischen Wandel gestalten – Integriertes Umweltprogramm 2030, Stand August 2016

BMUB 2 (2016): Deutschen Ressourceneffizienzprogramm II – Programm zur nachhaltigen Nutzung und zum Schutz der natürlichen Ressourcen, Stand März 2016

Thomson, S. (2016): Bergbau im Kongo – Kinderarbeit fürs Smartphone, verfügbar unter: https://www.igbce.de/kobaltabbau-im-kongo/131568, letzter Zugriff: 13.10.2016